Es ist schlimm genug, dass heutzutage niemand mehr ernsthaft diskutieren will. Aber noch schlimmer endet es, wenn man es dann trotzdem versucht. Ich habe mich dieser Herausforderung gestellt und bin in eine der irrlichternden Putin-Fanbase-Bubbles auf Facebook eingetaucht. Meine Mission: eine rein argumentativ-sachliche Diskussion führen. Spoiler: Es war ein Desaster.

Ich, der alte Nato-Spion

Ich habe es wirklich versucht. Ja, das habe ich! Und das in aller Ernsthaftigkeit. Aber ich musste feststellen: Sachliche Diskussionen haben in wachsenden Ecken des Internets den Schwierigkeitsgrad eines Fromsoft-Spiels erreicht – nur leider sind sie nicht anstzweise so tiefgründig und gehaltvoll. Mein Selbstversuch, mit Putin-Fans auf Facebook eine rationale Debatte zu führen, endete genau so, wie man es wohl erwarten konnte: mit absurden Beleidigungen, Verschwörungstheorien und einer Prise Kalter-Krieg-Romantik.

Meine Ausgangslage: Russland, der unantastbare Unschuldige

Der Anlass meines Selbstexperiments war der russische Angriff auf die Ukraine, ein Thema, das in bestimmten sozialen Medien-Bubbles eine höchst eigenwillige Interpretation erfährt. Bei einem dieser kremlfreundlichen Agitatoren auf Facebook stieß ich auf eine Diskussion, in der er seine „Fans“ in bizarren Theorien über den „gerechten Krieg“ Putins gegen die Ukraine ins Bild setzte. „Der Westen hat ihn ja dazu gezwungen!“, „Die NATO wollte das doch so!“, „Der Krieg ist eigentlich die Schuld der Ukraine selbst!“ – die üblichen Verschwörungsparolen, die eher aus russischen Staatsmedien als aus seriösen Quellen stammen könnten.

Mein Versuch: Rein sachlich argumentieren – kann das klappen?

Mit wissenschaftlicher Akribie und dem naiven Idealismus eines Journalisten, der an die Kraft der Fakten glaubt, wagte ich mich in den Kampf. Ich wollte mit schlichten, überprüfbaren Fakten gegenhalten. Keine Polemik, keine Polemik, nein keine Polemik, nur Argumente. Das Ergebnis? Ein krachendes Debakel.

Dabei startete die Diskussion verheißungsvoll. Ich postete eine klare, logisch aufgebaute Argumentation und verwies auf belastbare Quellen. Doch anstelle einer sachlichen Debatte kam aus der Bubble postwendend eine Flut aus Diffamierungen, Verdrehungen und wilden Theorien.

Jürgen Bodelle, so das Pseudonym meines Hauptgesprächspartners, nahm postwendend die Rolle des großen Aufklärers ein. Nach langem Hin und Her erklärte er mir, dass die NATO den Ukraine-Krieg provoziert habe, dass die Ukraine eigentlich die Schuld an der Invasion trage, und dass jeder, der das anders sieht, in Wahrheit ein bezahlter Propagandist sei. Ja klar doch!

Mein Argument schlägt Beleidigung? Fehlanzeige!

Ich entschied mich für den anstrengenden, aber ehrlichen Weg: ruhiges Erklären, sachliche Gegenargumente, Quellen angeben. Wenn Jürgen Bor… äh Bodelle schrieb, dass die NATO angeblich den Krieg provoziert habe, hielt ich dagegen mit historischen Fakten über Russlands Expansionsdrang. Wenn jemand die Ukraine für eine von Nazis unterwanderte Marionette hielt, wies ich auf die demokratischen Wahlen hin. Stück für Stück legte ich die Denkfehler in diesen „Argumenten“ offen.

Doch statt einer Gegenargumentation folgte immer dasselbe Muster: Erst Beleidigungen, dann Ausweichmanöver, und schließlich das unvermeidliche „Du bist ein NATO-Troll!“. Das Highlight? Jürgen Bodelle – offensichtlich fest überzeugt, einen gefährlichen Desinformationsagenten vor sich zu haben – schrieb nun unter jeden meiner Beiträge: „Frank Vollmer: Sie stehen voll im Dienste der NATO. Schämen Sie sich nicht für Ihre Desinformation?“

Obwohl ich argumentativ jeden noch so dämlichen Punkt widerlegt hatte, war ich für Jürgen und sene Blase dennoch immer der Verlierer. Logik, Quellenangaben, historische Fakten? Spielten keine Rolle. Die Bubble war gegen rationale Argumente immun. Und ich musste mich bei so viel Verbohrtheit wirklich zusammenreißen, nicht vor Lachen vom Stuhl zu fallen. Immerhin hatte ich hier Erwachsene Menschen vor mir. Was irgendwie auch gruselig ist.

Mein Fazit: Gegen Dummheit hilft kein noch so gutes Argument

Am Ende meines kleinen Experiments blieb ich eigentlich nur mit zwei Erkenntnissen zurück: 1.) Wenn jemand felsenfest an eine Erzählung glaubt, die er sich zusammengebastelt hat, dann wird kein noch so gut recherchiertes Gegenargument ihn überzeugen. Die Wahrheit ist leider nicht das, was in solchen Kreisen zählt – sondern das, was das eigene Weltbild bestätigt.

Und 2.) Social Media ist die perfekte Umgebung für kognitive Dissonanz in Reinform. Einmal in der eigenen Weltanschauung festgefahren, gibt es wohl kaum noch ein Entrinnen. Fakten zählen weniger als Gruppendynamik. Logische Widersprüche? Egal, Hauptsache, der Gegner ist als Feind markiert. Feuer frei! Ich bin kein NATO-Bot, kein Geheimdienst-Agent und kein Mitglied einer verschworenen Elite. Ich bin einfach nur Realist, jemand, der sich mit der echten Welt auseinandersetzt und für eine offene Diskussion kämpft – auch für die Meinungsfreiheit von Leuten, die sich in ihrer Facebook-Bubble suhlen wie ein Wildschwein im eigenen Kot.

Trotzdem werde ich weiterhin diskutieren. Nicht für Leute wie Jürgen Bodelle. Sondern für all jene, die irgendwann genug haben vom ewigen Kreislauf der Fake News und der billigen Feindbilder. Denn auch, wenn sie es abstreiten würden – die Wahrheit gibt es immer noch. Und sie ist es wert, dafür zu kämpfen.

Und falls jemand von denen diesen Text hier liest: Ja, ich habe ihn höchstpersönlich verfasst. Nein, die CIA hat mich nicht dafür bezahlt – schade eigentlich, wo ich doch chronisch pleite bin. Und nein, ich kämpfe auch nicht an der Ostfront. Aber schön, dass ihr euch weiterhin so für meine Meinung interessiert!

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