Junge Menschen sind aktuell so einsam wie noch nie zuvor. Das ist keine kühne Behauptung, sondern eine traurige Tatsache, die von Studien und Berichten belegt wurde. Einen Verbündeten im Leben zu finden, jemanden, mit dem man seine Träume teilt, Ziele verfolgt und ein Leben aufbaut, scheint plötzlich eine fast unüberwindbare Hürde geworden zu sein. Wir leben in einer Zeit, die uns unzählige Freiheiten schenkt – und doch so viele Fragen und Unsicherheiten aufwirft.
Männer sind keine Männer, Frauen sind keine Frauen?
Ein wesentlicher Grund dafür, glaube ich, ist die allgegenwärtige Diskussion um Rollenbilder, Geschlechter und Identitäten. Versteht mich bitte nicht falsch: Es ist gut und wichtig, dass alte, überholte Modelle aufgebrochen wurden. Dass die Frau nicht mehr „nur“ eine Hausfrau ist und der Mann nicht allein ein Ernährer sein muss. Dass jeder Mensch lieben darf, wen er möchte. Diese Freiheit ist ein Meilenstein in der Entwicklung unserer Gesellschaft, und ich bin stolz darauf, dass wir diesen weiten Weg gegangen sind.
Aber – und hier liegt mein Punkt – warum müssen wir das Pendel dermaßen weit ausschlagen, dass wir uns in neuen Zwängen und Modellen verlieren? Warum wird aus der Freiheit, alte Rollenbilder zu hinterfragen, ein neues Korsett aus Regeln, Erwartungen und moralischen Geboten? Ist es nicht genauso einengend, wenn Männer plötzlich nicht mehr „Männer“ und Frauen nicht mehr „Frauen“ sein dürfen, wie sie es empfinden?
Was meine ich konkret damit? Kennst du diese unausgesprochenen Vorwürfe, die in der Luft liegen, wenn ein Mann einfach freundlich eine Frau anspricht? Ist er dann ein Übergriffler? Ein Relikt längst vergangener Zeiten? Natürlich, wir Männer haben unsere bösen Geister – Frauen übrigens auch. Wie menschlich! Viele von uns tragen emotionale Defizite mit sich herum. Doch die meisten Straftaten – vor allem gegen Frauen – werden von Männern begangen. Das ist absolut unentschuldbar und muss bekämpft und verhindert werden. Doch heißt das im Umkehrschluss auch, dass jeder Mann, der sich nach menschlicher Nähe sehnt, erst einmal unter Generalverdacht steht?
Oh Gott, die Kinder!
Plötzlich denke ich an meine Kinder. Sie sind noch klein und entdecken ihre Welt, infanil, ohne Vorurteile, ohne die Lasten und Kämpfe, die wir Erwachsene ständig mit uns herumschleppen. Sie sehen die Welt in einer Einfachheit und Klarheit, die uns längst abhandengekommen ist. Eines nicht mehr so fernen Tages werden sie als Jugendliche ihren eigenen Weg gehen und Beziehungen aufbauen. Ob sie sich in einen Mann, eine Frau oder jemanden dazwischen verlieben, ist mir als ihr Vater völlig egal. Was ich mir jedoch für sie wünsche, ist, dass ihr Dasein nicht einsam fristen müssen. Dass sie Menschen finden, mit denen sie ein gemeinsames Leben führen können – ohne Angst haben zu müssen, das Falsche zu sagen oder zu sein.
Genau das, so empfinde ich es jedenfalls, ist der eigentliche Kern unseres Problems: Wir reden nicht mehr miteinander, sondern schreien uns gegenseitig an. Wir werten nicht nur alte Modelle ab, sondern schaffen neue Gräben. Der Feminismus war wichtig und ist es immer noch. Die Rechte von Minderheiten zu schützen ist unverhandelbar. Aber warum müssen wir diese Kämpfe auf eine Art führen, die uns voneinander entfremdet? Ja, wir lernen noch, mit unseren neu gewonnenen Freiheiten umzugehen. Aber das darf doch nun wirklich keine Ausrede sein.
Ich habe auf meinem Weg gelernt, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau – und die vielen Facetten menschlicher Identität – uns bereichern und inspirieren. Warum sollten wir diese Unterschiede plötzlich wegdiskutieren? Warum dürfen wir nicht mehr darüber sprechen, was uns voneinander unterscheidet und gleichzeitig vereint?
Letztlich geht es in unserer begrenzten Lebenszeit doch darum, dass wir uns wieder gegenseitig als Menschen begegnen und verstehen. Dass wir im Gegenüber nicht den Gegner oder die Gegnerin, sondern den Partner, die Freundin oder vielleicht sogar den einen Menschen sehen. Ob Mann, Frau, trans, queer – das spielt überhaupt keine Rolle. Solange wir das Gemeinsame über das Trennende stellen.
Stephen Hawking sagte einmal sinngemäß, die besten Dinge entstehen, wenn Menschen miteinander reden, und die schlimmsten, wenn sie es nicht tun. Hawking, der den Großteil seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt war, musste trotz all seiner Genialität auf vieles verzichten, was das Leben lebenswert macht – Dinge, die auch das Thema dieses Textes berühren. Und doch erkannte er klar, was wirklich zählt: die Verbindung zwischen Menschen.
Vielleicht sollten wir uns an diese Weisheit erinnern und wieder mehr miteinander reden. Nicht aus Angst, Fehler zu machen, sondern aus der Hoffnung, das Richtige zu finden: Nähe, Inspiration, Gemeinschaft und das Gefühl, nicht allein auf diesem verrückten, bunten Planeten zu sein.
2 Responses
Dem Ganzen ist nichts hinzuzufügen. Du sprichst mir aus dem Herzen.
Vielen Dank Stefan!